Forscher:innen widmen sich in WEAVE-Projekt der Blutverdünnung von jungen Schlaganfall-Patient:innen

Ein WEAVE-Projekt verknüpft Schweizer Forscher:innen mit österreichischen Wissenschafter:innen, die herausfinden wollen, welche Strategie der Blutverdünnung bei einem Schlaganfall nach spontaner Halsgefäßdissektion (Einriss der Gefäßwand) richtig ist. Dabei handelt es sich um die häufigste Ursache für Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen. Die EU finanziert das Projekt, an dem 120 Kliniken beteiligt sind, mit rund dreieinhalb Millionen Euro. Lukas Mayer-Süß von der Univ.-Klinik für Neurologie an der Medizin Uni Innsbruck teilt sich die Studienleitung mit seinem Basler Kollegen Christopher Tränka.
Ein kleiner blauer Fleck kann das ganze Leben verändern. Dann, wenn der Bluterguss plötzlich in der Wand der Halsschlagader auftaucht. Beim Versuch des Körpers, die Wunde zu versorgen, kann sich ein Gerinnsel (Thrombus) lösen und ins Hirn gelangen. Ein Schlaganfall ist die Folge. Eine solche spontane Halsschlagaderdissektion ist der häufigste individuelle Grund für Schlaganfälle bei Menschen unter 55 Jahren. Das Hämatom kommt wie aus dem Nichts und verschwindet nach einiger Zeit wie von selbst wieder, doch für die Betroffenen ist nichts mehr wie vorher. In der so genannten Hyperakutphase (Erstbetreuung in der Notaufnahme) erhalten die Patient:innen die gleiche Behandlung, wie alle anderen Schlaganfallpatient:innen: Thrombolyse oder Thrombektomie. Die Dissektion steht zu diesem Zeitpunkt als mögliche Ursache im Raum. Ab dem dritten Tag kann die Diagnose meist gesichert werden. Ab dann ist es üblich, die Patient:innen mit einer Form der Blutverdünnung zu versorgen, um das Risiko eines erneuten Schlaganfalls zu minimieren.
Strategien der Blutverdünnung
Welche Strategie der Blutverdünnung die beste ist, untersucht in den kommenden vier Jahren ein österreichisch-schweizerisches Team unter der Leitung von Christopher Tränka am Krankenhaus Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER in Basel und Lukas Mayer-Süß an der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. Im erweiterten Leitungsgremium dieser akademischen Arzneimittelstudie sind Michael Knoflach (Innsbruck) Stefan Engelter (Basel) und David Seiffge (Inselspital Bern) vertreten „Wir wollen 1.100 Menschen mit dissektions-bedingtem Schlaganfall in diese Studie einschließen, damit wir adäquate Aussagen machen können. Das geht nicht an drei Krankenhäusern. In Innsbruck haben wir beispielsweise 20 bis 30 Patient:innen pro Jahr. Aus diesem Grund ist eine internationale Kooperation mit Spitälern in ganz Europa essenziell. Europaweit konnten wir 120 Krankenhäuser, 19 davon in Österreich, motivieren, teilzunehmen“, erläutert Mayer-Süß die Dimensionen. Ermöglicht wird die großangelegte Studie durch das europäische WEAVE-Programm (Kombination aus Schweizerischer Nationalfonds und Österreichischer Wissenschaftsfonds), das eine Förderung von dreieinhalb Millionen Euro umfasst. Eine Million davon entfällt auf Österreich und wird über den FWF ausgeschüttet. Der Studienaufwand der beteiligten Krankenhäuser wird von diesen Projektgeldern bezahlt.

Grundsätzlich gibt es zwei Formen der Blutverdünnung: die Thrombozytenfunktionshemmung und die Antikoagulation. Während bei ersterer die Funktion der Blutplättchen verringert ist, legen Antikoagulantien einzelne Gerinnungsfaktoren lahm und machen die Patient:innen umgangssprachlich zu „künstlichen Blutern“, wie Mayer-Süß erklärt. Prinzipiell sind beide Therapieformen in der Schlaganfallnachsorge etabliert, wobei Antikoagulantien eigentlich bei speziellen Zusatzfaktoren, wie z.B. Vorhofflimmern zum Einsatz kommen.
Trotz der Häufigkeit der dissektionsbedingten Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen gibt es bis dato keine klare Handlungsempfehlung für die Blutverdünnung nach spontaner Halsgefäßdissektion. „Wir setzen mit der Studie genau hier an. Wir möchten definieren, welche Strategie in der Sekundärprävention in den ersten drei Monaten nach einem dissketionsbedingten Schlaganfall die beste ist“, sagt der Neurologe. Zur Auswahl steht die Thrombozytenfunktionshemmung (Thrombo-ASS und/oder Clopidogrel, die im ersten Monat auch kombiniert werden können) und die Antikoagulation (fünf Präparate stehen zur Wahl: Sintrom, Eliquis, Pradaxa, Lixiana und Xarelto). Ein besonders interessanter Aspekt ist, dass abgesehen von Sintrom bisher kein Antikoagulans in einer derartigen Studie untersucht wurde, jedoch von den aktuell geltenden Behandlungsleitlinien als gleichwertig beschrieben wird.
Viel mehr Vorgaben außer, dass die zufällig zugeordnete Strategie mindestens drei Monate lang verabreicht werden sollte, gibt es für die Studienärzt:innen nicht. Die Wissenschafter:innen verfolgen das Konzept einer pragmatischen Studie, d.h. dass die teilnehmenden Patient:innen zufällig einer Strategie – Thrombozytenfunktionshemmung oder Antikoagulation – zugeordnet werden. Im Rahmen dieser Strategie haben die Medizer:innen aber weitgehend freie Hand und beziehen die Patient:innen etwa bei der Auswahl des Präparats mit ein.
Perspektive der Patient:innen spielt große Rolle
Zusätzlich hat die Perspektive der Patient:innen in diesem Projekt besonderes Gewicht. Denn schon beim Aufbau der Studie haben sich Tränka und Mayer-Süß durch Patient:innen- Involvierungstreffen in Kleingruppen Unterstützung von früheren Dissektionspatient:innen geholt, die u.a. bei der Erstellung des Ablaufs der Studie, von Fragebögen und Zielsetzungen die essentielle Seite der Patient:innensicht einbrachten. Ziel ist es auch, Begleitforschung hinsichtlich der psychosozialen Tragweite der Erkrankung zu betreiben und im Langzeitverlauf Daten zu sammeln. Vorgängerstudien haben u.a. ergeben, dass Betroffene, die in jungen Jahren einen Schlaganfall erleiden, danach häufig an Depression und Angststörungen erkranken, an Ermüdungszuständen leiden, sich sozial zurückziehen oder Sorgen um die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt haben, Beziehungen werden beendet. Viele Patient:innen können Mayer-Süß zufolge, ein Jahr nach einem dissektionsbedingten Schlaganfall, ihre Diagnose nicht mehr erklären „Warum das so ist, wie es um die Kommunikation und Betreuung steht, und wie Mediziner:innen und Patient:innen besser auf Augenhöhe zueinanderfinden, das sind alles Fragen, die im Rahmen des Projekts auch aufgeworfen werden sollen. Es wäre schade, wenn wir die einzigartige Chance 1.100 Dissektionspatient:innen in einer europaweiten Studie einzubinden nicht nützen würden, um diese Themen mitabzubilden“, sagt der Forscher. Er geht davon aus, dass die ersten Patient:innen im September in der Schweiz in die Untersuchung eingeschlossen werden können, wo bereits ein Ethikvotum mit Auflagen vorliegt. Ende des Jahres sollte es dann auch in Österreich und im EU-Raum losgehen.
(27. Juli 2026, Text: T. Mair, Foto: D. Bullock, Grafik: Dejakum B, Kiechl S, Knoflach M and Mayer-Suess L (2024) A narrative review on cervical artery dissection-related cranial nerve palsies. Front. Neurol. 15:1364218. doi: 10.3389/fneur.2024.1364218)
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