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„Die KI sieht mehr, als wir heute wissen“

Vom 5. bis 7. März 2026 findet der jährliche Kardiologie Kongress in Innsbruck statt. Im Mittelpunkt steht der direkte Austausch von Wissen zwischen Expert:innen und niedergelassenen Mediziner:innen. Axel Bauer, Direktor der Univ.-Klinik für Kardiologie und Angiologie und sein Team organisieren diesen Kongress seit vielen Jahren. Wir haben ihn gefragt, warum die Tagung so erfolgreich ist und wo die Stärken der Künstlichen Intelligenz in der Herzmedizin liegen.

Herr Bauer, geht in der Herzmedizin nichts mehr ohne KI?

Axel Bauer: KI wird den Arzt und die Ärztin nicht ersetzen, jedoch hat KI das Potential, die Gesundheitssysteme zu revolutionieren und viele der gegenwärtigen Probleme zu lösen. Ich denke hier insbesondere auch an ganz unspektakuläre KI-Anwendungen, die unmittelbar entlasten: zum Beispiel Systeme, die Gespräche zwischen Arzt, Ärztin und Patient:in aufzeichnen und in strukturierte Befunde übertragen; der Dokumentationsaufwand verringert sich, es bleibt mehr Zeit für das Gespräch und die Versorgung der Patient:innen.

Wo sehen Sie das große Potenzial der KI-gestützten Herzmedizin?

Bauer: KI-Anwendungen eröffnen diagnostische Möglichkeiten jenseits menschlicher Mustererkennung. „Man sieht nur, was man weiß und verstehet“, hat Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt, heute können wir behaupten: „Die KI sieht mehr, als wir Menschen wissen“. Anschauliche Beispiele kommen aus der EKG-Analyse: Hier können KI-Algorithmen Hinweise auf verschlossene Herzkranzgefäße entdecken, obwohl klassische Veränderungen in bestimmten Kurven-Abschnitten des EKGs fehlen; auch Vorhofflimmern kann mit KI prognostiziert werden, selbst wenn im Moment des EKGs ein normaler Herzrhythmus vorliegt. Solche Modelle und Assoziationen basieren auf sehr großen und komplexen Datensätzen – eine Stärke der KI, aber auch eine Herausforderung für die evidenzbasierte Medizin. Die Relevanz und auch der Nutzen solcher Muster müssen in prospektiven Studien erst geprüft und bestätigt werden, ähnlich wie bei klinischen Medikamentenstudien. Nicht jede bessere Diagnostik führt automatisch zu besserer Versorgung und damit Prognose.

Entwickelt auch Ihre Klinik KI-Systeme?

Bauer: Die digitale Kardiologie ist einer unserer Forschungsschwerpunkte. Aus Signalen wie hochauflösendem EKG oder Smartphone-Sensorik entwickeln wir mithilfe von KI und anderen Analyseverfahren Biomarker, die bei Früherkennung, Risikoeinschätzung und Verlaufskontrolle unterstützen. Unsere Stärke als Universitätsklinik ist es, dass wir neue Entwicklungen schließlich in klinische Studien umsetzen können, das kommt unserer Zielsetzung, im KI-Bereich europaweit vorne mit dabei zu sein, sehr entgegen.

Können Sie ein Beispiel für eine KI-Entwicklung aus Innsbruck nennen?

Bauer:  Zum einen die Pulskontroll-App zur Früherkennung von Vorhofflimmern, die wir im Rahmen des groß angelegten und geförderten Austrian Digital Heart Program entwickelt haben und die nun in einer österreichweiten Studie evaluiert wird. Im Forschungsprojekt SMART VALVE untersuchen wir, ob handelsübliche Smartphones mit ihren eingebauten Mikrofonen und Bewegungssensoren für einen Herzklappencheck genutzt werden können, indem sie z.B. auf dem Brustkorb liegend Vibrationen erfassen. Auch dazu wird eine klinische Studie durchgeführt, um die Smartphone-Messung mit etablierten Verfahren wie der Echokardiographie zu vergleichen. Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte ein einfacher, digitaler Herzcheck von zuhause aus möglich werden.
Auch Stimme und Mimik geben Signale ab, die mithilfe von KI Rückschlüsse auf kardiovaskuläre Erkrankungen zulassen. In diesem Projekt werden sowohl Sprache und Sprechfluss als auch visuelle Biomarker wie Lidschluss oder mimische Bewegungen mithilfe des Smartphones analysiert. Wir sehen, dass mit solchen Anwendungen immer mehr Informationen direkt verfügbar werden und damit die Risikovorhersage immer besser und individueller wird.

Das Thema Künstliche Intelligenz bildet auch im diesjährigen Kongressprogramm wieder einen besonderen Schwerpunkt. Der Hauptvortrag kommt vom einem weltweit anerkannten KI-Experten.

Bauer: Wir konnten dieses Mal Daniel Rückert als Hauptredner gewinnen. Er ist Alexander von Humboldt-Professor für KI in der Medizin an der Technischen Universität München und auch Professor am Imperial College London. Er forscht zur Entwicklung von innovativen Algorithmen für die Bildanalyse und Bildinterpretation und von KI für die Ableitung klinischer Informationen aus medizinischen Bildern – zentrale Anwendungsgebiete in der diagnostischen und prognostischen Herzmedizin.

Sie organisieren gemeinsam mit Ihren Kollegen Christoph Brenner und Bernhard Metzler nun bereits den 28. Kardiologie Kongress in Innsbruck und können jedes Jahr rund 800 Teilnehmende begrüßen. Warum ist das Interesse an dieser Tagung so groß?

Bauer: Wir setzen seit jeher auf Praxisnähe und interaktive Diskussionen, das ist das Erfolgsrezept. Wir richten uns vor allem an Hausärzt:innen, niedergelassene Internist:innen und an alle zuweisenden Ärzt:innen. Statt rein akademischer Vorträge stehen konkrete Fälle und Szenarien im Mittelpunkt. Wir besprechen neue Studienergebnisse, neue Leitlinien und Technologien gemeinsam mit führenden internationalen Expert:innen und ordnen diese ein. Diese Mischung aus klinischem Alltag und aktuellen Belegen aus der Wissenschaft sorgt dafür, dass Innovationen dort ankommen, wo sie wirken sollen: in den Ordinationen und am Krankenbett.

Das Interview führte Doris Heidegger.

(18.02.2026, Foto: MUI/F. Lechner)

Kardiologie Kongress Innsbruck
Zur Person Axel Bauer

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